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Deutsche Geschiclitsblätter

Monatsschrift

fördepuog den landesgesübiGhilichen ftopschung

unter Mitwirkung von

Prof, B»chin«in-Prae, Prof Breyaig-Berlin, Prof. Erier-MUnster i. W.,

Prot Finko-Freibnrg i. B., Archivdireklor Prof. H«n«en-Köln, Prof. -w. Hefgel-Miincben,

Prof, Hennor-WliriboTE, Secliooichef v. Inama-Sternegg-Wien, Prof. Kolde-Erluigen,

Prof. Kossüma-Berlin, Ajchivrat Krieger- Karlsruhe, Prof. I.Bmprticbt-Leipzig,

Archrmt "W, Lippert-Drctdcn, Archivar Menc-Osnabriick, Prof. HDblbacher-WicD,

Pioi V. Otteothäl-Innsbrnck, Prof. Osw. Redlich -Wien, Prof. t. d. Ropp-Marbnrg,

Prof. A. Scholtc-BoiiD, Archivrat Sello-Oldeoburg, Geh. Arcbivrat StMlin-Stntlgart,

ArdiiTrat WIschkc-Zcrb&l, Prof. Weber-Pr«g, Prof. Wenck-Marburg,

Archivr*! Winter-OsnalirUck, ArcMrar Witte-Schwerin,

Prof. V. Zwiedineck-SDdenborat-Grai

herausgegeben von

Dr. Armin Tille ZV. S«Ad

Gotha Friedrich Andreas Perthes

A1(ticii(atel1ichift

1903

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ASTOR, LENOX AND

TILDEN FOüNDATIüNS

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Inlialt.

Aufsätze : seite

Beiper, H. (Nischwitz, Sachsen- Altenborg) : Landschaftliche Glockenkunde 225 239

Berimg, Karl (Dresden): Altertümer-Ausstellungen im Königreiche Sachsen 281 287

Caro, Qeorg (Zürich): /?{> /Ts^/V 257^272

Ovoi» Frans (Graz): Steiermärkische Geschichtschreibung im Mittelalter . 89 10 1 ^ Steiermärkische Geschichtschreihung^ JiQtf' 'XVL bis

XVIII, Jahrhundert , . . T 288—298

Käser, Kurt (Wien): Zur Vorgeschichte des Bauernkrieges 301 309

Liebeskind (Münchenbemsdorf) : Literatur zur Glockenkunde 239 245

lippert» Woldemar (Dresden): Hermann Knothe und seine Bedeutung

für die oberlausitzische Geschichtsforschung 150 159

Üßisebeck, Ernst (Metz) : Zur Geschichte der landesgeschichtlichen Forschung

in Lothringen 33—43

Richter, Eduard (Graz): Der historische Atlas der österreichischen Alpen-

Idnder 14$ 150

SeOo, Georg (Oldenburg): Roland- Rundschau 113 128 a. 159 171

Tüle, Annin (Leipzig): Nachwort zn dem Aafsatze über Steiermärkische Geschichtschreibung vom XVI. bis XVIII, Jahrhundert von

Franz Ilwof 298 300

Werner, Heinrich (Merzig): Die Reform des geistlichen Standes nach

der sogen. Reformation des Kaisers Sigmund

im Lichte gleichzeitiger Reformpläne i 14 u. 43 55 yy Die Reform des weit liehen Standes nach

der sogen. Reformation des Kaisers Sigmund im Lichte der gleichzeitigen Reformbestre- bungen im Reich und in den Städten . . 171 182

u. 193 218

Wolf, Gustav ^Freibarg i. B.): Forschungen und Forschungsaufgaben auf

dem Gebiete der Gegenreformation . 65 77 [falsche Zählung: 81 93]

XL. 102—108

Mitteilungen :

Archlologische Karten 318 319

Archive und Kunstgeschichte (R. Hansen) 18 22

Archive : Stadtarchiv Strafsburg (Winckelmann) 15 18 ; Dritter Archivtag 1902 in Düsseldorf 58—62; Inventare der nichtstaatlichen Archive der Provinz Westfalen 108— -iio; Archivberichte ans Kärnten I 129 bis 130; Schwedische Studien über das Archivwesen im Aas- lande 130 131 ; Literatur über städtisches Archivwesen 183; Staatliches Archivwesen in Österreich 316 317; Landesarchiv

in Vorarlberg 317.

Seite

Berichtigungen 64, 144, 192, 256

Bibliographie der Zeitschriftenliteratur 22—35

Denkmalpflege: Dritter Tag iUr D. 1903 in Düsseldorf (Locrsch) 55 58;

vierter 1903 in Erfurt 311. Eingegangene Bücher . 31 32, 62—64, 87 88 [falsche Zählang: 103— X04]; 112,

142 144, 192, 224, 256, 280, 320

Pamilienforschung 272 274

Flurkarten 249 252, 314

Qesamtverein der deutschen Qeschichts- und Altertumsvereine: Ver- sammlung 1902 in Düsseldorf 78 87 [falsche Zählang: 94 bis 103]; 1903 in Erfart 309 310. Historische Kommissionen : AA^ürttembergische K. iiir Landesgeschichte 1 10 ; H. K. für Nassau iio iii; H. K. bei der Kgl. Bayerischen Akademie der Wissenschaften 140 14 1; Badische H. K. X41; Kgl. Sächsische K. fUr Geschichte 222 223: Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde 223 224.

Historische Ortsverseichnisse (Vancsa) 186— 1 88

Konferens von Vertretern deutscher Publikationsinstitute . . 182—183, 246 256 Museen: Niederösterreichisches Landesmaseum 131 132; kulturgeschichtliche

Ortsmoseen der Niederlausitz 132 140. Nekrologe: Franz Krones Ritter voa Marchland 188 190; Karl Albrecht (Sorgenfrey) 319 320.

Ortsgeschichte, Zur deutschen (Albert) 312 316

Personalien 188—192, 319—320

Politische und sociale Bewegung im deutschen Bürgertum des XV.

und XVI. Jahrhunderts (Käser) 25 30

Siegelumschriften, deutsche (Vancsa) in 112

Türkenkrieg: Neuere Literatur über den T. von 1664 279 2S0

Versammlung deutscher Historiker, siebente 1903 in Heidelberg . 182 u. 219 222 Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner, siebenund vi er- digste 1903 in Halle 311 312

Zeitschriften: Geschichtsblätter für Waldeck und Pyrmont 183 184; Jahrbuch des Historischen Vereins für das Fürstentum Liechtenstein 184 185; Bibliothek der sächsischen Geschichte und Landeskunde 185; Archiv für Kulturgeschichte 186; Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 186; Fuldaer Geschichtsblätter 274 275; Deutsch -amerikanisc/ic Geschichtsblätter 275—279. Zentralstelle für deutsche Personen- und Familiengeschichte ... 273

Durch einen Irrtum des Setzers enthält dieser Band eine irrtümliche Seite n- zählung: auf S. 64 folgt statt 65 fälschlicherweise mit Überspringung eines Bogens Si. Im folgenden ist die richtige Zählung (vgl. Berichtigung S. 144) wieder hergestellt. Die richtigen Seitenzahlen sind an Stelle der falschen handschriftlich einzutragen.

Deutsche Geschichtsblätter

Monatsschrift

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Forderung der landesgescbichtlichen Forscbung

IV. Band Oktober 1902 i. Heft

Die Hefortn des geistliehen Standes naeh der sogen, t^eformation des K&is^i's Sig^ mund im Iiiehte gleichzeitiger t^eformpläne

Von Heinrich Werner (Merzig)

Wie ich in einer Arbeit Über den Verfasser und Geist der sog. Reformation des Kaisers Sigmund ^) zeige, sind die charakteristischen Leitgedanken in der sogen. Reformation des Kaisers Sigmund , so der Satz von der Freiheit jedes Christen, von der Scheidung des Geist- lichen vom Weltlichen und die Abwehr gegen die Vermönchung von kirchlichem Amt und Besitz u. a., im Zusammenhang gleichzeitiger geistiger Strömungen und Zustande betrachtet, nicht revolutionär, sondern nur insofern eigenartig, als sie aus einer anderen als bisher angenommen Gedankenwelt, nämlich der eines Laien, Städtebiirgers und Stadtschreibers erzeugt sind. So sehr es auch bisher allgemeine Anerkennung fand, hinter dem Verfasser einen Pfarrer, mindestens einen Geistlichen zu suchen, so konnte doch ein Beweis dafür mit glaubhaften Gründen nicht beigebracht werden. Im Gegenteil konnte ich bei weitem zahlreichere und sicherere Gründe vorbringen •) zu der Annahme, dafs ein Stadtschreiber die Reformschrift verfafst hat und zwar Valentin Eber von Augsburg; freilich eine entscheidende Kontrolle kann nur ein hinreichender archivalischer Nachweis liefern.

Über den einzelnen Reformvorschlägen schwebt nun eine ähnliche Unklarheit und nicht minder gespensterhaftes Dunkel. C. Koehne hat sich in seinen Studien zur sogen. Reformation K. S. ') zuletzt

1) Historitcbe Viertel)dinchrift, (1902), 5. Bd. S. 467 ff.

2) Schon in dem Anhang zu meiner Schrift Du Flugschrift 'onus ecclesiae Os^9) einem Anhang über sozial- und kirchenpolittsche Prophetien, Ein Beitrag zur Sitten- und Kulturgeuh, des ausgehenden Mittelalters, (Giefsen 1901) S. 87 ff.

3) Zeitschr. fttr Soxial- und Wirtschaftsgeschichte VI. B. (189S), S. 369>>43o.

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eine eingehende Behandlung dieser Schrift vorgesetzt. Sein Ergebnis fuhrt uns aber wenig weiter, da der zweite Teil seiner Untersuchung, der wichtigste, nämlich der über die Quellen der einzelnen Reform- forderungen, weder tief noch breit genug ist.

Drei Behauptungen tritt hier Koehne entgegen; erstens als seien vom Verfasser die Anschauungen und Forderungen der niederen Volks- schichten wiedergegeben, zweitens als stimmten die vorliegenden Re- formforderungen mit den auf den Reichstagen zu Regensburg und Basel vom Jahre 1434 vorgebrachten Artikeln überein, drittens als seien sie auf husitische Ideen zurückzuführen. Dies geschieht mit gutem Glück, weil die Gründe zum Teil auf der Hand liegen. Der positive Teil der Quellenuntersuchung (von S. 410 ab) aber ist zu kurz ge- kommen. Koehne kommt dabei zum Schlüsse: „Es mufs von vorn- herein bemerkt werden, dais eine bestimmte, andere Reformvorschläge enthaltende Schrift, aus der Priester Friedrich einzelnes geschöpft hätte, nicht nur nicht nachzuweisen ist, sondern auch schwerliph existiert hat." Dafs es aber noch andere Quellen gibt, sieht auch Koehne, indem er in der „Wissenschaft, Umgebung und politischen Vorgängen" der Zeit des Verfassers solche sucht Der vorliegenden Reformschrift ähnliche Forderungen hätten z. B. die Konzilien zu Kon- stanz und Basel aufgestellt, sie erwiesen sich aber nicht als „einfache Über- setzungen" trotz aller Anklänge an die der Reformschrift. Da ihm nirgends eine Quelle mit deutlichen Zügen zu erkennen ist, so glaubt Koehne die Reformpläne aus den „Tendenzen, in denen sich der Fort- schritt auf dem damaligen Gebiete verkörperte", abzuleiten. So stehen wir denn vor einer neuen unbekannten Gröfse, die in früheren Unter- suchungen Radikalismus, revolutionärer Geist hieis und jetzt, etwas ge- mildert, „Fortschritt" genannt wird. Wir wollen nun im Folgenden den Verfasser wieder möglichst beim Worte nehmen und dieses in zeit- genössischem Lichte erscheinen lassen, so dais es von dem isolierenden Dunkel verliert und an Verständnis gewinnt; denn nichts ' bewundern und nichts verdammen , sondern verstehen , ist oberstes Gesetz der Wissenschaft.

Der Verfasser der Reformschrift stellt seine Forderungen in Zusammen- hang mit dem Konzil zu Basel, er will zeigen, sagt er in der Einleitung, wie das heilige konzil zu Basel gesamnet ist, ^) Femer sind nach seinen eigenen Worten seine Reformpläne als eine Ordnung gemachet von hoher meister (= Magister) Weisungen, gunst und willen und

i) Sämtliche Stellen aus unserer Reformschrift sind nach der Ausgabe ron W. Boehm,. Friedrich Reisen Reformation des K, Sigmund, (Leiptig 1876) angeführt. S. 162^

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lehre von latein zu deutsch zu einem bekennen allen gemeinen Christen in der Christenheit ^), und diese Urkunde ist mit hohen weisen erläutert'). Dafs wir diese Behauptung des Verfassers wörtlich ueh- men müssen, habe ich ebenfalls in meiner letzten Arbeit schon an- gedeutet Ebenso habe ich bereits auf den Kreis hingewiesen, wo ähnliche Forderungen aufgestellt wurden, und auf die Veröffentlichung derselben bei Haller '). Es sind nämlich eine Reihe von Reformplänen in Gestalt von motivierten Anträgen und Amendements zu Konzil- und Ansschuisberatungen, wie letztere besonders durch den sogenannten 2. Status *) der Geistlichen stattfanden, als Vorarbeiten vorhanden, welche (üe Verschiedenheit der in den offiziellen Konzilsbeschlüssen verdichteten Stimmen wieder heraushören lassen. So hat unser Verfasser sein ord- nungsbuch als Urkunde von hohen Meistern (Magistern) erhalten, verdeutscht und erläutert zu allgemeinem Verständnis und Bekenntnis veröffentlicht. In diesem Zusammenhang geben die einfachen Worte des Verfassers einen unzweideutigen Sinn. Aber veigleichen wir einmal die Reformforderungen des Verfassers mit den allerdings sehr unvoll- ständig mitgeteilten Reformpapieren aus jener Reformbew^nng, so läist sich meine Annahme trotzdem noch zu einer gröfseren Gewifsheit er- heben. Femer wird aus diesem Vergleich ersichtlich werden, dafs die Forderungen des Verfassers nicht auf offizielle Beschlüsse, sondern auf private zurückgehen, daüs also gerade im Gegensatz zu Koehne unsere Reformschrift Unterlagen hat, die ihres gelehrten Ursprungs halber lateinisch sind, aber zu ihrer Massenverbreitung verständlicher gemacht und verdeutscht werden mulsten. Daneben erscheinen die For- derungen selbst in neuem und hellerem Licht und nur als eine Stimme aus dem Wirrwarr der Meinimgen in dem damals immer heftiger wer- denden Drang nach Reform. Nur seine Erläuterungen haben, weil subjektiv, ein so eigenart^es Gepräge, dafs sie von neuem auf eine bestimmte Persönlichkeit als Verfasser, nämlich auf einen Laien und Stadtschreiber hinweisen.

Was an den Reformplänen des geistlichen Standes sofort auffallt, ist die Einhaltung der Reihenfolge, wie sie durch die hierarchische Rangordnung in der Kirche vorgezeichnet ist. Die Reform geht vom P2q>8te zu den Kardinälen, Bischöfen, Pfarrern, Prälaten, Orden bis zu

i) EbcDda S. 171.

2) Eine andere Stelle lautet: das wird nun van stück zu stück erläutert zu einem rechten bekennen gebracht. Ebenda S. 244.

3) Joh. Hall er, Concilium Basilünse 1896. 4 Bde.

4) Vgl. Historiache Vierteljahnchr. a. a. O. S. 469 nnd S. 475.

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zu Wählende entweder in der Theologie oder im kanonischen Recht graduiert oder de ducali aut regali gener e proer eatus *) sei. Die Zahl der Kardinäle soll beschränkt werden und sie sollen in der Theologie und im kanonischen Recht graduiert, nicht mit Papst und untereinander verwandt sein. Die Erzbischöfe und Bischöfe sollen ebenfalls vel doctor in iure canonico vel civili vel medicinae sein. Für die Beleihung von Benefizien und Offizien wird gleichfalls eine der Höhe der Pfründe entsprechende wissenschaftliche Stufe ge- fordert, so dafs eine förmliche Skala des Pfründenwertes dem Mafse der Gelehrsamkeit entspricht. Ein Ordensmann kann vom Papste nicht zum Bischof ernannt werden, selbst nicht auf die Bitte eines Königs oder einer Gemeinde hin, weil dieses Amt dem Wesen eines Mönches widerspricht : ne habeat occasionem peccandi et vaga n di et officium pro pecunia exequendi, ac quod magis est, ne habeat proprietatem et oboedieniiam . , . et cogatur in opprobrium dignitatis episcopalis ubique mendicare *). Andreas vonEscabor entwickelt also hier einen ähn- lichen Gedanken über die Wahl eines Bischofs, der aber nicht bei allen kirch- lichen Ämtern gleich einheitlich durchgeführt ist, im Gegenteil schon bei dem Bischofsamte selbst eine Ausnahme erleidet : es darf nämlich ein Ordensmann Bischof werden, wenn er vom Kapitel mit der Erlaubnis von Abt oder Provinzial unter der Erfüllung aller anderen Bedingungen gefordert wird.

Auch die Pfarrkirchen sollen je nach ihrem Ertrag an minder oder höher Graduierte verliehen werden. Auf die Pfarrkirche mit dem höch- sten Ertrag von 200 Kammergulden (S. 225) hat der Doctor oder Magister im kanonischen Recht oder in der Medizin das Anrecht. Diesen steht gleich der vir magnus nobilis ex utroque parente de militari genere descendus.

Die Graduierung spielt auch in einem anderen Ausschufsantrag, be- treffend die Expektanzen- und Benefizienverleihung (S. 223), eine grofse Rolle; doch nach der Meinung des anderen Teüs des Aus- schusses soll sie ganz wegfallen. Wie das adlige Element ^) den Vorrang bei Verleihung von Benefizien haben soll, zeigt auch dieser Antrag, indem er den Genannten vier Benefizien als Maximum der Benefizienzahl, den Magistern, Doktoren und Lizentiaten nur drei Benefizien zuerkennt. Sicut per suprascripta prohibetur ascensus non graduatis et non nobilibus ad alta et magna beneficia, ita vi-

1) Ebenda S. 216.

2) Ebenda S 221.

3) Verwandte von Königen und Fürsten. Ebenda S. 238 u. 393.

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detur prohiberi descenstis nobilibus et graduatis ad pauca beneficia et modtcüj ut etiam subsit amplius, de quo pauperibus pravidere. Auch für das Pfarramt einer Gemeinde, übt stt magntis et notabüis populus, kann nur ein niagister in artibus oder baccalaurius kandidieren, während für andere Pfarrkirchen solche genügen, die lateinisch lesen und verstehen können. Im übrigen sollen Adlige und Söhne der Fürsten den Graduierten gleichstehen.

So sehen wir denn die Frage nach dem Wahlrecht, welches das Baseler Konzil schon im Dezember 1432 ^) beschäftigte, in mannig- facher Weise beantwortet. Darin stimmen nun alle Anträge überein, da& das Wahlrecht, welches im Laufe der Zeit von geistlichen Re- servationen und Provisionen ganz verdrängt war, den zuständigen Kör- pern zurückgegeben werden soll, und dabei wird dem gelehrten und adligen Element besondere Vergünstigung und Bevorzugung eingeräumt, ja sogar den Laien eine gewisse Teilnahme zugestanden. Davon weifs unser Verfasser nichts. Er stellt vielmehr eine eigene ganz charak- teristische Forderung in bezug auf die Wahlen auf, die an eine be- schränkte Forderung des Andreas von Escabor zwar erinnert, aber in dieser Allgemeinheit und feindseligen Konsequenz nur unserem Verfasser eigen ist und klar seinen städtebüi^erlichen Geist verrät.

Nur den Graduierten erkennt er auch ihre Vorrechte im gewissen Sinne zu, weil er sie in seiner Vorlage erwähnt sieht. Aber sie sind so nebensächlich und mit so feindseligen Augen betrachtet, daOs ihn seine Halbbildung in den viel breiteren Erläuterungen zu den genannten Forderungen zu heftigen Angriffen auf die gelehrten und gewaltigen fortreilst Der Verfasser schliefet aus der Gelehrsamkeit für die Stellung eines Klerikers etwas ganz anderes. Bei den übrigen genannten Vor- schlägen wird die Graduierung als Bedingung zu einem höheren Amt und besseren Pfründe angesehen, bei unserem Verfasser aber ist sie die Voraussetzung für eine schwerere Pflicht selbst eines niederen Amtes wie z. B. des Pfarramtes. Dieses mufste einem Städtebürger, nament- lich einem in der städtischen Verwaltung so hoch Stehenden, das wich- tigste kirchliche Amt sein, weil es den Laien mit seinen Funktionen bekleidet von der Wiege bis zum Grabe. Während die anderen An- träge im grofsen und ganzen nur geringe wissenschaftliche Aufforde- rungen an den Pfarrkandidaten stellen, will er dieses Amt aus recht praktischen Gründen gerade an gelehrte Priester übertragen wissen, die Ungelehrten seien noch gut genug für die Dome zum bloisen Singen und Lesen. Unwissende Priester, die weder predigen noch Sakramente

I) Vgl. Haller, II. Bd., S. xii.

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spenden können *), werden nach den Ansichten unseres Verfassers zur Amtsausübung in den Pfarrkirchen gegen schenk und miet bevorzugt, während die gelehrten Priester ihre Würde und Gelehrsamkeit nur zu einer bequemen Einnahmequelle machen. So sei denn heute die theo- logische Gelehrsamkeit unfruchtbar geworden *). Gerade die gelehrten Priester sollen auf die Kirchen gezwungen werden, sonst würde der ketzerglauben in den städten noch mehr um sich greifen '*).

Von der Bevorzugung des adligen Elements bei der Wahl zu einem höheren kirchlichen Amte weifs der Verfasser vollends gar nichts. Vielmehr scheint auch hier ein bewufster Gegensatz vorzuliegen, der sich neben einer politischen Spitze *) in dem häufigen Rufe gegen die „Gelehrten und Gewaltigen" ^) Luft macht. Denn nicht nach Gunst, sondern nach Kunst, nicht nach Stand, sondern nach Verstand will er die Ämter verteilt haben, deren Wert er recht charakteristisch nach dem Standpunkt des praktischen Laien einschätzt. So kommt es denn auch, dafs er die Prälaten dem Range wie der Behandlung nach den Pfarrern unterordnet.

Von seinen Reform forderungen über die Wahl können wir uns also ein ganz genaues Bild machen. Die Ablehnung eines Ordens- mannes als Kandidaten fiir ein kirchliches Amt ist ihm allein eigen und für ihn charakteristisch; sie wird sich höchstens an ähnliche, aber bei weitem nicht so konsequent durchgedachte Forderungen wie die des Andreas von Escabor angelehnt haben. Dies erklärt sich aus der Tatsache, dafe in unserer Schrift die einzigen bis jetzt bekannten Re- formpläne eines humanistisch *) gesinnten und städtebürgerlichen Laien vorliegen. Auch über die Qualifikation zu einem Amte teilt er, wie schon oben erwähnt, nur kurz und oberflächlich den zu gründe liegen- den gelehrten Antrag mit, um durch seine eigenen Erläuterungen dazu um so kräftiger den Charakter desselben zu verwischen und seine eigenen städtebürgerlichen Gesichtspunkte geltend zu machen.

Augenscheinlich geht auch die Forderung über die familia eines Prälaten auf einen von den der Schrift zu gründe liegenden Anträgen zurück: so soll die familia eines Kardinals I2 Personen umfassen, nämlich 2 Kapläne, i Kammermeister, i Schreiber, 2 Edelknechte,

1) Vgl. Boehm, S. 183.

2) Ebenda S. 192.

3) Vgl. auch das unten über die Provinzialsynoden Gesagte.

4) Vgl. Anhang zu meiner obengenannten Schrift, S. 90.

5) Vgl. Anhang, S. 86, Anm. i.

6) Vgl. Histor. Vierteljahrschr. 5. Bd. (1902} S. 474 f.

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4 Schildknechte, i Marstaller und i Koch. Eines Bischofs familia soll bestehen aus 2 Priestern, 2 Schildknechten, i Koch und i Marstaller, ein SufFra^^an soll haben i Priester, i Schildknecht, i Schreiber, I Koch und i Marstaller. Durch Privatanträge, wie sie Haller S. 208 mitteilt, läList sich dieser Vorschlag nicht näher beleuchten als durch die eine Stelle daselbst, wo für die familia eines Kardinals 30 Personen gefordert werden.

Am wichtigsten aber ist die Frage über das Einkommen der Geist* lichkeit, die lebhaft auf dem Konzil erörtert wurde und zu der des- halb auch eine Reihe von Privatansichten vorliegen. Die mittelalter- liche Kirche war in ihrer Blütezeit ein finanziell und wirtschaftlich hoch entwickeltes Institut geworden; die Päpste und nach ihrem Bei- spiel die übrigen Würdenträger der Kirche hatten frühzeitig die Macht des Kapitals erkannt und zur Erlangung desselben zahlreiche Mittel und Wege gefunden. Unter allen möglichen Namen wie Annatcn, Reservationen, Provisionen, Expektanzen, Vakanzgeldern und Taxen aller Art flofe reichlich Geld nach Rom und anderen geistlichen Höfen ; besonders beliebt war ein Mittel zur Bereicherung, nämlich die An- häufung von Pfründen und Benefizien in einer Hand, die sogen. Plu- ralität oder Union von Pfründen. Um diese zu erlangen, hatten sich an der römischen Kurie solche Pfründenjäger unter dem später best- geha&ten Namen der Kurtisanen aufgehalten, die in ihrer geistlichen Würde oft sehr tief standen, häufig gar keine besafsen.

Sehon unser Verfasser charakterisiert dieses Treiben mit den Wor- ten: sie leihen unterweilen Stallknechten pfarreien und prälaten Pfründen *). Nicht weniger ärgerniserregend war die Afterverleihung von geistlichen Einnahmen, da hierdurch ganz unwürdige Priester gegen ein fettes Entgelt in den Besitz von Pfründen und Benefizien kamen. Eine Reform mufste also damit beginnen, die vom Papste angemafsten Einnahmen aus Pfründen und Reservationen zu beseitigen, und sie den Ordinarien wieder zurückgeben; andrerseits mufste die Pluralität ab- geschafft oder auf ein Mindestmais beschränkt werden. Das ist auch der Weg, den die offiziellen Verhandlungen über diesen Gegenstand nahmen. In dem einen Punkte über die Annaten erlangte man gerade durch das Drängen der deutschen Nation einen durchgreifenden Be- schluß: sie wurden abgeschafft. Eine Entschädigung für den Ausfall wurde versprochen, aber da man sich über die Art nicht einigen konnte, nicht ausgeführt. So war denn Spielraum genug für Privat- anträge gegeben, und einer davon liegt auch unserer Schrift zu gründe.

1) ßoehm, S. 182.

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Das Einkommen des Papstes und seines Hofes soll ein Drittel der Einnahmen aus dem Patrimonium Petri, also aus dem Kirchenstaat, der in seinem Umfang kurz angegeben wird , betragen *) , die andern zwei Drittel sollen dem Kardinalskollegium zugewendet werden; diese Einnahmen werden gleichsam als direkt aus dem der römischen Metropolitankirche verliehenen Kirchengut fließend betrachtet. Da- gegen sollen alle indirekten, durch die Amtsfunktionen sich ergeben- den Einnahmen, also alle Taxen und Gebühren, wegfallen: ein Brief von der Kurie soll deshalb „nicht mehr kosten als das Pergament wert ist". Alle in der Rota beschäftigten Hofbeamten dürfen nicht mehr mit Kirchenverleihungen und den damit verbundenen Inkor- porationen besoldet werden, sondern ebenfalls mit den Einnahmen aus dem Kirchenstaat und zwar von dem Anteil des Papstes. Die Peni- tentiaren sollen keine Laien, sondern Priester sein. Für jeden Kar- dinal erhofft der Verfasser aus den zwei Drittel der Einnahmen aus dem Kirchenstaat, wenn sie ordentlich verteilt würden, 12000 Gulden jähr- lich. Dafür sollen sie aber keine indirekten Einnahmen mehr haben, etwa aus Pfründen, sondern höchstens Vergütung der Spesen auf Legationsreisen *).

Das Einkommen eines Erzbischofs hat loooo Gulden rheinisch zu betragen und das eines SufTragans 5 6000 Gulden. Wenn auch hier nicht angegeben ist, woher diese Besoldung genommen werden soll, so liegt es im Sinne der anderen parallelen Forderungen des Verfassers, auch hier die Einnahmen aus dem zur Metropolitankirche gehörigen Kirchengut, also dem Herrschaftsg^t, als den Fonds für das Einkommen eines Erzbischofs zu bezeichnen. Die übrigen indirekte Einnahmen wollen wir sie wieder nennen sollen teils beschränkt, teils aufgehoben werden: so soll für Bestätigung eines Suffragans der Bischof nur loo Gulden erhalten. Die Pfründenverleihung soll wieder den Bischöfen als den Ordinarien zurückgegeben werden, nur Erzbis- tümer und geforstete Abteien bleiben dem Papste vorbehalten (S. 182). Jeder Bischof darf aber bei der Verleihung einer Pfründe nicht mehr als I Gulden nehmen, wohl auch nur zur Deckung der dabei ent- stehenden Unkosten. Dagegen darf er weder schenk noch miet nehmen und keinem mehr als eine Pfründe geben (S. 183), damit er sie selbst „verdienen" kann. Auch Geldstrafen, wie Konkubinatssteuer, auf- zuerlegen, soll dem Bischof verboten sein (S. 184). Dafs dies oft aus geitz (= avaritia) geschah, sagt er an der Stelle, wo es heifst: sie

i) S. 163 u. 174. 2) S. 177.

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besieuern sie wegen ihrer konkukin (S. 187). Die Verleihung^ einer Pfründe soll nur an denjenigen erfolgen, der von einer hohen schule durch 2 magister, Präsidenten genannt, geprüft ist, und diesen soll der Bischof ohne weiteres beleihen. Hiermit wird dem Gelehrtentum eine wichtige Entscheidung zugestanden. Daraus ist aber auch wieder zu erkennen, dafs der Verfasser hier der lehre und Weisung hoher meister in seiner Vorlage gefolgt ist.

Jede Pfarrkirche soll mit zwei Priestern versorgt sein. Ist die Pfarre zu klein, dann sollen zwei vereinigt werden, denn alle Priester sollen gleiche Pfründe haben. Diese betragen für jeden 80 Gulden jährlich für alle dinge (S. 189). Nach der Einnahme aus dem Pfarrgut oder Herrschaftsgut richtet sich die Zahl der Priester in einer Pfarrei. Alle Nebeneinnahmen, namentlich die aus feierlichen Begräbnissen und AnniveiBarien, fallen weg, da diese selbst aufgehoben werden. An ihrer Stelle sollen Geschenke, die in Kirchengeräten bestehen, gegeben werden, oder andere Opfeigaben. Aber Geld dürfen sie nicht nehmen und nichts für Geld tun; denn die Pfründe soll ihnen in einem Stück g[egeben w^erden. Das Kirchengut dürfen die Priester selbst bebauen und Vieh darauf halten, aber alle Gerechtigkeiten auf Häuser, Äcker und Wiesen der Untertanen sollen je für ein Schilling ein pfund ^) ab- gelöstVerden. Der Gesamterlös hieraus ist in e i n e m Stück anzulegen, das dann zu einem Fonds mit den Einkünften aus dem Herrschaftsgut zu- sammengeschlagen wird. Hieraus erhält dann jeder Priester 80 Gulden jährlich. Mit diesen weltlichen Dingen haben aber die Priester nichts zu tun, dafür soll ein Kirchenpfleger mit 40 Gulden Jahreseinkommen eingesetzt werden. Dieser hat jährlich Rechnung abzulegen vor 2 Priestern, i Vertreter des Bischofs und 4 bis 5 Untertanen.

Aus diesen Vorschlägen läfst sich der Verfasser wieder recht deut- lich erkennen. Abschaffung der feierlichen Begräbnisse und Anni- versarien *), Trennung von geistlichem Amt und weltlicher Verwaltung, Ablösung der Gerechtigkeiten und Rechnungsablage des Kirchenpflegers selbst vor weltlichen Untertanen erscheinen, ohne Zusammenhang be- trachtet, für die damalige Zeit als etwas Unerhörtes und im Munde eines Geistlichen gesprochen wie seither angenommen etwas Revolutionäres oder Husitisches. Ein ganz anderes Gesicht zeigen diese Worte aber, wenn man sie im Geiste des mittelalterlichen Städte- bürgertums betrachtet : nur ein Laie, ein Vertreter des mittelalterlichen

i) S. 190. Der Verf. meint scheinbar, dafs für je i /f laufende Abgabe eine ein- malige Ablösongssamme von i #^ bezahlt werden soll.

2) Vgl. auch das anten über Provinzialsynoden Gesagte.

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Städtebürgertums, das namentlich in seiner Verwaltung dem modernen Staatsbürgertum vorbildlich geworden ist, kann solch modern er- scheinende Forderungen aufstellen, und ein in dieser Verwaltung ge- schulter Stadtschreiber war dazu in noch viel höherem Mafse im stände.

Erst nach den Pfarrern kommt der Verfasser mit besonders deut- licher Spitze gegen die Prälaten auf die Domherren zu sprechen: sie sollen nur i Pfründe haben und keine Pfarrei daneben, der sie doch nicht vorstehen, ihr Einkommen von ihrer Kathedralkirche soll je 80 Gulden betragen. An einer Domkirche sollen nicht mehr als 24 Prälaten wirken ; da, wo eine gröisere Anzahl vorhanden ist, sollen die Überzähligen in die Pfarrkirchen geschickt werden (S. 193). Hier fordert der Verfasser in seinem tiefen Groll gegen die Gelehrten mit grofser Emphase von den getreuen Christen, dafe sie die gelehr- ten bezwingen mögen mit gewalt, damit rechte Ordnung gehalten werde. Ein Domherr in einem Kollegium soll nur 60 Gulden haben und diese soll er selbst verdienen, denn jedermann soll seine arbeit tun um sein tägliches Brot (S. 194). Dieser wiederholt ausgesprochene Grundsatz von der persönlichen Leistung gegenüber dem in der mittel- alterlichen Kirche und dem Staat eingerissenen Unwesen der Vikariate und Afterverhältnisse ist echt städtebürgerlich und kennzeichnet wie- derum den Verfasser nach der schon öfters betonten Seite. Mit Geld- und Gerichtssachen soll ein Domherr ebensowenig etwas zu tun haben wie die Pfarrer, Zinsen und Zehnten der Domkirchen sollen ebenfalls abgelöst imd die Verwaltung des Erlöses daraus einem Vogt und Kellner übertragen werden, welche der Gewalt des Bischofs unterstehen sollen (S. 195).

Den Orden ist er nun vollends feindselig gesinnt : vor allen den Benediktinern und Bernhardinern soll man ihre Güter und Kirchen nehmen und ihnen die alte Regel vorlegen, wonach sie keinen Besitz haben dürfen. Heute sind den Klöstern alle zinsbar, Laien, Edle wie Reiche*), und deshalb dürfen sie treiben, was sie wollen (S. 197). Alle zwing und benne, Schlösser und Städte sollen ihnen genommen und dem Reich gegeben werden; dies soll es den rittern und knechten leihen, die es verdienen, und ebenso den städten, die sich üben in dieser sache und Ordnung (S. 200). Der Besitz in der toten Hand war ja damals schon ins Ungeheure gestiegen und niemand sah lange schon vor der Reformation begieriger darauf als die Reichs- städter. In diesem Sinne will auch der Verfasser einen Teil des dem

l) Die k löst er haben das erdrcich inne (S. 176).

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Reiche zurückgegebenen Kircheng^tes verweadet wissen. Dabei drückt er sich so aus, dafe er als ein Vertreter dieser Städte seine genaue Kenntnis verrät; denn in den Worten: die städte üben sich in dieser sacke und Ordnung, deutet er offenbar auf einschlägige Re- formbestrebungen der Städte auf Städtetagen ^) hin, die allerdings wegen der Miisgunst der gewaltigen ergebnislos verliefen.

Eän Abt soll an Einkommen haben 80 Gulden, ein Mönch dieser beiden Orden je 40 Gulden. Die weltlichen Geschäfte soll ein Kasten- vogt für jedes Kloster für 100 Gulden jährlich besorgen. Aufserdem sind 100 Gulden für die Beköstigung von Gästen aufzuwenden. Um mit diesem geringeren Einkommen auszukommen, ist die Zahl der Mönche eines Klosters zu vermindern und zwar so, dafs da, wo 40 sind, man sie aussterben lassen soll bis auf 24 u. s. w. bis auf 8. Überhaupt sollen alle Orden aufgehoben werden mit Ausnahme der- jenigen, die von Almosen leben und die ihr bestimmtes Piründeein- kommen haben (S. 201), allein von den Almosen sollen die vier Bettel- ordcn leben (S. 202), ihre Pfründen, Gülden, Anniversarien sollen abgeschafl); sein. Nur aus dem Unwillen eines Laien lassen sich die Worte begreifen: Männer und Frauen ohne Unterschied sollen ihrem Gottesdienst beiwohnen dürfen und ihr Almosen sollen sie verdienen. In den Frauenklöstem bekommt eine Äbtissin von jetzt an 50 Gulden, jede andere Person 30 Gulden jährlich; im übrigen herrscht dieselbe Ordnung wie bei Männerklöstem.

In einem gemeinsamen kapitel, auf das er wiederholt hinweist, wendet er sich nochmals dem Einkommen der Pfarrer zu (S. 209 f.), wobei nur das eine noch zu bemerken ist, dafs ein etwaiger Uber- schufs der Pfründen von dem Kirchenpfleger zum Bau und zur Aus- schmückung der Kirche verwendet werden soll. Noch einmal fordert er den Heimfall aller Schlösser, Festen und Städte der Geistlichen an das Reich, also eine gro&e Säkularisation zu gunsten von Herren, Rittern, Knechten und Reichsstädten (S. 212). Und gerade die Reichs- städte sollen diese Forderung mit Gewalt durchsetzen, denn von den übrigen damals allein geltenden Reichsständen erwartet er nicht viel. Aber gerade deshalb, weil er diese nur dem Namen nach mit nennt, ohne ihnen in Wirklichkeit eine Bedeutung in der von ihm verkün- deten Reform zuzuschreiben \ charakterisiert sich der Verfasser wieder als einen hervorragenden Vertreter dieser Städte selbst.

i) Vgl. Janssen, Frankfurts Reichskorrespondenz, I. Bd. (1863), S. 443. 2) Vgl. Anhang, S. 86, Anm. 2.

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Stellen wir die Forderungen des Verfassers noch einmal kurz zu- sammen! Vor allem sollen geistliche und weltliche Geschäfte peinlich geschieden werden *). Für letzteres sind eigens daiiir besoldete Organe zu schaffen. Dann soll iiir die Geistlichen selbst eine förmliche Be- soldung eintreten in der Form einer bestimmten Pfründe für die Person; zur Gewinnung dieser Besoldung ist erstens das Kirchengut und zwar als Herrschaftsgut heranzuziehen, und zweitens sind alle Ge- rechtigkeiten am Untertanengut abzulösen durch eine Summe, die eben- falls zum Fonds der Einnahmen aus dem Herrengut geschlagen wird; für den Fall der ÜberbUanz ist die überschüssige Summe zum Kirchbau zu verwenden. Eine UnterbUanz ist vom Verfasser nicht ausdrückUch ins Auge gefafst, aber jedenfalls bei Pfarrkirchen durch Vereinigung mehrerer zu einer, bei Klöstern durch Verminderung der Mönche auszugleichen. Reichsgut wie Burgen, Schlösser und Städte sollen an das Reich zurückfallen: also Stärkung des Reichsgedankens ist auch bei dieser Selbsthüfe wie bei jeder des mittelalterlichen Städtebürgertums bezeichnend genug für den überall konservativen Charakter der Reichsstädte, sowie für unseren Verfasser als einen ihrer Vertreter.

Koehne will nun in betreff des Einkommens ,,der Kanoniker, besonders der Bischöfe, denen sowohl alle Hoheitsrechte wie Land- besitz und Renten genommen werden, annehmen, dafs unser Autor an Staatsbesoldung gedacht hat" (S. 377). Von einer Staatsbesoldung kann in dieser Zeit aber noch gar nicht die Rede sein; wollte man eine Stadtbesoldung annehmen, so gäbe das eher einen Sinn, die Persönlichkeit des Verfassers würde eine solche Annahme zulassen, doch dies ist nirgends angedeutet, was er doch gewifs beim Ein- kommen der Pfarrer getan hätte. Auch ist der Landbesitz den ge- nannten Würdenträgem gar nicht genommen, ebensowenig jede Rente, nur geht mit dem Heimfall des Reichsgutes auch das Fürstenamt ver- loren. Das beabsichtigt ausdrücklich der Verfasser mit den Worten: sie (die Bischöfe) führen auch weltliche gewalt und wissen , dafs es wider Gott ist (S. 181). Aber die Einnahmen aus dem Herrschafts- gut der einzelnen Kirche und die Summe aus der Ablösung der Ge- rechtigkeiten ergeben einen Fonds, der zur Besoldung auch der Bischöfe und Prälaten hinreichen kann. (Schlafs folgt.)

i) ^ soll sich lauter in allweg scheiden das geistlich und das weltlich, S. 231.

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Mitteilungen

Archlye« Unter den Archiven der süddeutschen Städte steht das Strafsburger trotz schwerer Verluste, die es im Wandel der Zeiten erlitten liat, noch inuner als eins der reichhaltigsten und für die allgemeine Geschichte wichtigsten in erster Reihe, dank der machtvollen Stellung, welche die Reichs- stadt als Metropole des Oberrheins und als Bollwerk gegen Frankreich das ganze Mittelalter hindurch und bis ins 17. Jahrhundert hinein behauptet hat. Die Originale der ältesten Stadtrechte und kaiserlichen Privilegien sind frei- lich verloren gegangen und auch sonst ist die Zahl der Urkunden aus der Zeit vor 1261 gering (71); die älteste erhaltene Kaiserurkimde ist von 1205. Erst vom Jahre 1261 ab, in welchem die Stadt den Krieg begann, der sie ?on der bischöflichen Oberhoheit befreite, schwillt das urkundliche Material mächtig an. Am 18. März 1399 beschlofs der Rat die Einrichtung be- sonderer feuersicherer Archivräume; allein bald reichten diese nicht mehr aus, so dafs die Akten und Urkunden teils im sogenannten Pfennigturm '% teils in der „Püüz*' und im Kanzleigebäude, später auch im sogenannten Neubau '% dem nachmaligen Hotel du commerce, untergebracht werden mofsten. Die Verwaltung des Archivs unterstand lange Zeit unmittelbar dem Stadtschreiber; als der Umfang der Geschäfte aber immer mehr wuchs, wurde 1594 ein besonderer Registrator archivi angestellt. Der erste Inhaber dieses Amts war Lauren tius Clussrath, der sich ebenso wie sein Nachfolger Joh. Ulrich Fried redlich mn die Ordnung des Archivs annahm. In- dessen wurden sie beide bei weitem nicht fertig damit, da man sie allzu häufig zu andern Geschäften heranzog und schliefslich in höhere Stellen beförderte. Sehr verdient hat sich dann der wohlbekannte Historiker Jakob Wen ck er (1668 1743) um die Ordnung und wissenschaftliche Ausbeutung der städti- schen Archivalien gemacht ^). Selbst im Besitz der höchsten Würden , als Dreizehner und Ammeister, hat er dem Archiv seine liebevolle Fürsorge be- wahrt Auch nach seinem Tode bis zum Ausbruch der Revolution 1789 wurde unter steter Aufsicht des Magistrats viel für das Archiv getan, wo- für noch heute zahlreiche alte Repertorien zeugen, die allerdings leider zum Teil unbrauchbar geworden sind. Nur einmal, im Jahre 1686, hatte das Archiv durch den Brand des Kanzleigebäudes empfindlichen Schaden ge- litten; vermutlich fielen damals die Missivbticher und ein Teil der Proto- kolle den Flammen zum Opfer. Doch waren diese Verluste geringfügig gegenüber denen, die nun durch die Revolution und ihre Folgeerscheinungen eintraten. Am 21. Juli 1789 stürmte der Pöbel das Rathaus und warf die Akten in blinder Zerstörungswut massenhaft aus den Fenstern in den Strafsen- kot. Manches ist damals verschleppt worden; das meiste aber wurde doch wohl wieder gesammelt und in Sicherheit gebracht, wenn auch grofsenteils zerstampft, zerrissen, beschmutzt tmd in einer entsetzlichen Unordnung, die noch heute nicht wieder ganz beseitigt ist. Das war aber noch nicht das Schlimmste! Am 20. November 1793 wurden auf Anordnung des Maires MoDet, eines Savoyarden, und des berüchtigten Eulogius Schneider zur Ver- herrlichung des „Festes des höchsten Wesens" 15 grofse Wagenladtmgen

x) Vgl. J. Wencker,' Collectanea juris publici etc. (i 702). Apparatus et instructus arckivorum (1713). Collecta archivi et cancellaricie jura. (17 15).

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von Akten und Protokollen aus dem Stadt- und Bezirksarchiv als ,, Zeug- nisse des Aberglaubens und der Sklaverei'* angesichts des Münsters feier- lich verbrannt! Hauptsächlich sind dabei wohl Finanz- und Rechnungs- sachen sowie die ältesten Kontraktbücher zu gründe gegangen, vielleicht auch die zu Wenckers Zeit noch vorhanden gewesenen Ratsprotokolle aus der Zeit vor 1539. Dies barbarische Verfahren hat sich zum Glück nicht wiederholt ; doch zeigte die Stadtverwaltung noch lange eine höchst verderb- liche Gleichgültigkeit gegen die Zeugnisse der Vergangenheit. Gröfsere Teile des Archivs wurden ohne Bedenken an andere Behörden ausgeliefert, so 1798 die gesamten alten Gerichtsakten an das Tribunal, mit dessen Gebäude sie 1870 verbrannten, ferner 1806 ein grofser Teil der auf kirchliche Ver- hältnisse, namentlich auf die Reformation, bezüglichen Akten an das evan- gelische Konsistorium behufs Einverleibung in das Archiv des St. Thomas- stiftes. Die übrigen Bestände wurden bei wiederholten Umzügen und „Sich- tungen" durch unwissende oder gewissenlose Beamte der Mairie teils ver- zettelt, teils in immer gröfsere Unordnung gebracht. Als dann der aus- gezeichnete Theologe und Historiker Andreas Jung 1826 die Leitung der Stadtbibliothek übernahm, kam die verhängnisvolle Ansicht auf, dafs die Archivalien, welche für die städtische Verwaltung keinen „aktuellen** Wert hätten, sondern nur historisches Interesse böten, in die Bibliothek ge- hörten. Glücklicherweise wurde dieser Grundsatz nicht allzu eifrig befolgt ; doch ist immerhin eine Anzahl der interessantesten Stücke in die Bibliothek gekommen und mit ihr in dem Brande von 1870 vemichtet worden.

Wenn trotz aller dieser Einbuisen seit 1789 die auf die Gegenwart ge- retteten handschriftlichen Schätze noch sehr ansehnlich und inhaltlich sehr wertvoll sind, so kann man danach auf die ehemalige Bedeutung des Ganzen schliefsen. Eine dauernde Besserung für das Archiv trat erst ein, als der gelehrte Ludwig Schneegans 1841 die Leitung übernahm. Die von ihm begonnenen Ordnungsarbeiten wurden seit 1863 von J. Brucker fort- geführt, der durch Fleifs und Gewissenhaftigkeit ersetzte, was ihm an wissen- schaftlicher Vorbildung abging. Er hat vier Quartbände von Inventaren herausgegeben % die allerdings nichts weniger als